Horizontal und vertikal
Bachs „Orgelmesse“ in St. Albani Göttingen
In der St. Albani-Kirche führten am Sonntagabend die Kantorei
St. Albani und das Orchester Concertino Göttingen zusammen mit dem
Organisten Martin Sander den „Dritten Teil der Klavierübung“ von
Johann Sebastian Bach auf. Das hieß: eineinhalb Stunden lang den
ruhigen Pulsschlag dieser „Orgelmesse“ verinnerlichen, gemächlich
den gleichmäßigen Wechsel von Orgelstücken und Choralsätzen
abschreiten.
Dabei modellierte die Kantorei zu jedem Zeitpunkt ihre
Stimmlinien aus dem Geist des Textes heraus und intonierte mit
formbewusstem Sprachduktus, flüssig und schwerelos-mehrschichtig.
Dirigent Ulrich Barth animierte die Sänger nicht umsonst sicht- und
hörbar zu ebenso stilvoller wie sinnfälliger Interpretation. Da kam
die Spannung von innen, vom durchdachten Zusammenspiel von Text und
Musik. Verlässliche Zubringerdienste leistete das musikalisch
überaus fitte Concertino Göttingen als instrumentale Basis für die
vokalen Höhenflüge des Chores. Gleichmäßig verdichtet Der
Organist Martin Sander war nicht nur ein dienender Exekutor der
Bachschen Orgelstücke, sondern auch ein intelligenter. Er breitete,
was er unter die Finger bekam, umsichtig aus, ordnete die Linien zu
klarer Horizontale und komplexer Vertikale. Und all das so
durchsichtig und zum Singen gebracht wie gleichmäßig
verdichtet. Es war ein wohltuend unprätentiöser
kirchenmusikalischer Abend, bei dem die Musik in der ersten Reihe
saß – wie gemacht für die „Liebhaber und besonders die Kenner“, die
Bach in der Erstausgabe seiner Klavierübung als Zielgruppe nennt.
Thomas
Röllig |