Datum: 06.07.2004

Horizontal und vertikal

Bachs „Orgelmesse“ in St. Albani Göttingen

In der St. Albani-Kirche führten am Sonntagabend die Kantorei St. Albani und das Orchester Concertino Göttingen zusammen mit dem Organisten Martin Sander den „Dritten Teil der Klavierübung“ von Johann Sebastian Bach auf. Das hieß: eineinhalb Stunden lang den ruhigen Pulsschlag dieser „Orgelmesse“ verinnerlichen, gemächlich den gleichmäßigen Wechsel von Orgelstücken und Choralsätzen abschreiten.

Dabei modellierte die Kantorei zu jedem Zeitpunkt ihre Stimmlinien aus dem Geist des Textes heraus und intonierte mit formbewusstem Sprachduktus, flüssig und schwerelos-mehrschichtig. Dirigent Ulrich Barth animierte die Sänger nicht umsonst sicht- und hörbar zu ebenso stilvoller wie sinnfälliger Interpretation. Da kam die Spannung von innen, vom durchdachten Zusammenspiel von Text und Musik. Verlässliche Zubringerdienste leistete das musikalisch überaus fitte Concertino Göttingen als instrumentale Basis für die vokalen Höhenflüge des Chores.
Gleichmäßig verdichtet
Der Organist Martin Sander war nicht nur ein dienender Exekutor der Bachschen Orgelstücke, sondern auch ein intelligenter. Er breitete, was er unter die Finger bekam, umsichtig aus, ordnete die Linien zu klarer Horizontale und komplexer Vertikale. Und all das so durchsichtig und zum Singen gebracht wie gleichmäßig verdichtet.
Es war ein wohltuend unprätentiöser kirchenmusikalischer Abend, bei dem die Musik in der ersten Reihe saß – wie gemacht für die „Liebhaber und besonders die Kenner“, die Bach in der Erstausgabe seiner Klavierübung als Zielgruppe nennt.
Thomas Röllig